Donnerstag, 4. Juli 2013

Polizei mit Taschenlampen (XVII)

Warten auf Godot

Dieses Spiel auf Zeit ist teuflisch: Hieß es am Montag noch, ich müsse nur zum Jugendamt gehen, um ein Gesprächsprotokoll abzuholen, werde ich nun auf nächste Woche vertröstet. Es gibt zwar mehrere Leute, die sich mit dem Fall beschäftigen, aber angeblich kann mir nur der Jugendamtsmitarbeiter das Protokoll geben, der zurzeit Urlaub macht. Auch die Wilhelmshavener Polizei hüllt sich nach einer ersten Stellungnahme zu der illegalen Aktion des Jugendamtes in Schweigen, bei der zwei Polizeibeamte bei der Durchsuchung meiner Wohnung angeblich falsche Namen genannt haben.

Nach den Erfahrungen, die ich mit der Staatsanwaltschaft von Hannover, mit dem Rechtsausschuss des niedersächsischen Landtages und mit dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages gemacht habe, bin ich gespannt, wie sich die Beteiligten aus der Sache herauswinden. Wenn nicht einmal Lügen der Staatsanwaltschaft und die falsche Lagerung meines Eigentums Folgen haben, dann erwarte ich nicht mehr viel. Und wenn mich noch einmal ein Polizeibeamter und der Ordnungsdienst der Stadt Wilhelmshaven anhalten sollten, um mir etwas vorzuwerfen, was gar nicht geschehen ist, zahle ich fortan lieber gleich statt mir vor Gericht auch noch Aussagen anhören zu müssen, die Zeugen miteinander abgesprochen haben und in der Behauptung gipfeln, mein Hund habe im Fahrradkorb gesessen.

Wie so was läuft, habe ich schon 1990 in Hannover erlebt. Mit einem Redakteur des Evangelischen Kirchenfunks bereite ich eine Sendung über Sekten vor, dann trinken wir in einem Altstadtlokal noch einen Kaffee, anschließend steige ich in mein Auto und mache mich auf den Nachhauseweg. Hinter mir fährt ein Auto immer dichter heran. An der fünften Ampel betätigt der Fahrer die Lichthupe. Nach einigen 100 Metern bin ich so genervt, dass ich rechts heranfahre. Ein Mann in Zivil - der Beifahrer - fordert von mir im Namen der Polizei: "Steigen Sie aus!" Ich weise ihn auf meine Rechte hin. Das gefällt ihm gar nicht. Er will mich aus dem Auto holen. Deshalb steige ich aus. Der Mann wirft mir vor: "Sie sind 13 Mal bei Rot über eine Ampel gefahren." Ich schlage ihm vor: "Wir fahren zurück und stellen fest, wie viele Ampeln es von hier bis zur Altstadt gibt. Es sind fünf." Schon behauptet er, ich sei betrunken. Nun reicht es mir: "Wir fahren zum Revier. Dort mache ich einen Test. Dann bringen Sie mich wieder zu meinem Auto." Im Revier sagt ein Kollege der beiden Zivilen: "Bei dem muss ich keinen Test machen. Ich sehe auch so, dass der nicht betrunken ist." Ich bestehe auf den Test. Ergebnis: 0,0 Promille.

Nach einiger Zeit bekomme ich einen Bußgeldbescheid. Vorgeworfen wird mir nun nur noch ein Verkehrsverstoß. Dagegen wehre ich mich vor Gericht. Die beiden Zivilen sitzen vor der Verhandlung auf dem Flur und feixen. Ich mache meine Aussage, die beiden Polizeibeamten lügen der Richterin die Hucke voll. Man habe mich verfolgt, weil ich beim Verlassen der Altstadt das Rotlicht einer Fußgängerampel missachtet hätte. Meine Frage, wie viele Leute über die Straße gegangen sind, während ich mich mit dem Auto irgendwie an ihnen vorbeigeschlängelt habe, beantworten sie nicht. Auch für meinen Hinweis, dass eine Fußgängerampel nur auf Rot springt, wenn sich Fußgänger Grün holen, interessiert sich niemand. "Und was ist mit den anderen 12 Ampeln?", frage ich.

Dennoch muss ich es der Richterin damals schwer gemacht haben. In ihrem Urteil verlegt sie die Fußgängerampel 50 Meter nach hinten, die Strafe beträgt 130 Mark. Ich zahle und werde fortan fast bei jeder Fahrt durch Hannover von der Polizei angehalten. Das ändert sich erst nach dem Kauf eines neuen Autos.

Auch bei der Wohnungsdurchsuchung am 17. Juni 2013 bin ich allein gewesen. Ich habe keinen Zeugen dafür, dass meine Wohnungstür von einem Polizeibeamten aufgestoßen worden ist, dass ich an die Wand gedrängt worden bin, dass dabei Figuren aus einem Setzkasten gefallen sind, dass ich anschließend die Wache angerufen habe, dass die Bereitschaft des Jugendamtes am nächsten Tag bei meinem Anruf hämisch gelacht hat - deswegen bin ich gespannt, wie Jugendamt und Polizei den Hergang schildern.

Nicht nur in Wilhelmshaven, auch bei meinen Freunden und Bekannten in der Region Hannover geht diese Geschichte inzwischen rund. Es gibt auch Polizeibeamte, die rückhaltlose Aufklärung fordern, weil ihnen Kollegen stinken, die jede Vertrauensbasis zerstören. Diese Zerstörung der Fundamente erleben wir inzwischen überall. Offiziellen Verlautbarungen glauben nur noch wenige. Die meisten warten darauf, dass der Nächste der Lüge überführt wird.

Doch alles hat seine positive Kehrseite: Ehrliche Menschen werden immer kostbarer - und zum Glück kennt jeder ein paar davon...Und so nähert sich die Bundesrepublik Deutschland immer mehr der Nischen-Gesellschaft der DDR an.

Ein kluger Mensch hätte sofort ein Treffen mit der Jugendamtsmitarbeiterin, mit den Polizeibeamten, mit den Eltern des Jungen, den ich versteckt haben soll, und mit mir organisiert. Ich muss derweil mit anschauen, wie die ersten Fortschritte in einem komplizierten Fall wieder zerstört worden sind. Diese Fortschritte gab es übrigens ohne Jugendamt...

Polizei mit Taschenlampen (XVIII): Hoher Besuch aus Lübeck

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